8 Monaten ago · · Kommentare deaktiviert für 27.04.2018 ZEITSPRUNG Studienfahrt

27.04.2018 ZEITSPRUNG Studienfahrt

Jerusalem, ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet;

deine Mauern sind mir stets vor Augen. (Jesaja 49,16)

Schulfahrten nach Israel

Bereits seit 2007 bieten wir für das Evangelische Gymnasium Hermannswerder im Rahmen seines Fahrtenprogramms jährlich eine Studienfahrt nach Israel an. Im Laufe dieser Jahre haben wir von vielen anderen Schulen gehört, die ebenfalls Kontakte in Israel pflegen, von weiteren Schulen sind wir angefragt worden, um Ratschläge für eine Fahrt nach Israel zu geben. Das Thema dieser Zeitsprung-Ausgabe ermöglicht es nun, dass wir unsere Erfahrungen und Ideen hier veröffentlichen, um allen Interessierten Tipps und Ratschläge zu geben.

1) Verschiedene Fahrtenkonzepte – verschiedene Fahrten

Unterschiedliche Fahrtenkonzeptionen der Schulen ziehen unterschiedliche Fahrten nach sich. So sind freiwillige, außerhalb eines Fahrtenkonzepts stattfindende Fahrten ebenso denkbar wie Fahrten, die sich aus einer inhaltlichen oder organisatorischen Verfasstheit der Schule ergeben. Dabei sprechen wir vor allem von Austauschfahrten und Studienfahrten.

Der Wert von Austauschfahrten liegt vor allem in der Begegnung mit den „peers“, den Gleichaltrigen. Die Schüler*innen bekommen die Möglichkeit, in den Alltag einer Familie einzutauchen und sind rund um die Uhr mit dem Alltagsleben im Lande konfrontiert. Hierfür gibt es vorzügliche Fördermöglichkeiten, insbesondere über das ‚Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch‘ ConAct (http://www.conact-org.de) oder die ‚Deutsch-Israelische Gesellschaft‘ (http://www.digberlin.de).

Der Wert von Studienfahrten liegt vor allem in der Möglichkeit, alle Programmpunkte gemäß der eigenen Schwerpunktsetzung selbst auszuwählen. Dadurch, dass man nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist, sondern im Land herumreisen kann, können die sehr verschiedenen Regionen des Landes sehr intensiv wahrgenommen werden: So können das grüne Galiläa und die Negevwüste, das judäische Bergland und die Küstenebene, das lebendige Tel Aviv und das religiöse Jerusalem problemlos in ihrer Gegensätzlichkeit erfahren werden.

Darüber hinaus ist für eine intensive Diskussions- und Auswertungskultur gesorgt, da die Gruppe beständig zusammen ist. So kann, unterstützt durch Vor- und Nachbereitung, eine intensive inhaltliche Lernprogression erreicht werden. Gerade nach dem Besuch von Shoa-Museen, aber auch in Jerusalem mit seiner für uns fremdartigen christlich-orthodoxen Prägung darf nicht unterschätzt werden, dass die Teilnehmer*innen Zeit und Raum zur Aussprache und Reflexion benötigen.

Eine sehr gute Fördermöglichkeit für beide Arten von Fahrten stellt die ‚Harold-Bob-Stiftung‘ dar, die auf ihrer Homepage zudem die ausgezeichnete Handreichung „Schüler- und Jugendreisen nach Israel

Wie – Wohin – Wieviel – Wo?“ zur Verfügung stellt (http://www.harold-bob-stiftung.eu/).

2) Warum Israel?

Der Sinn einer Fahrt nach Israel ergibt sich nach unserem Verständnis aus drei Aspekten:

Man stößt auf unzählige verschiedene Lebensentwürfe und Religionen: Israelische Araber, die sich loyal zum Staat Israel verhalten; Araber, die den Staat Israel ablehnen, untereinander verfeindete Araber von Hamas und Fatah; säkulare Juden, orthodoxe und ultraorthodoxe Juden, junge jüdische Soldatinnen und Soldaten, europäische, russische, orientalische und äthiopische Juden, zum Judentum konvertierte Christen, aus Deutschland stammende Juden, die uns zum größten Teil freundlich, selten aber auch ablehnend gegenübertraten, darüber hinaus: Drusen, Ba’hai, Beduinen, und Christen aller Kirchen: protestantische, armenische, orthodoxe, koptische und katholische.

Das Beobachten und das Nachdenken über Religion und Religionen ist einer von drei Gründen, weswegen wir diese Fahrt anbieten. Man bekommt ein Gespür für den Raum, für die Kulissen der biblischen Erzählungen und kann dem spiritus loci nachspüren. Und gleichzeitig führt die starke Präsenz vor allem der orientalischen Kirchen und anderer, fremder Religionen zu einer nachdrücklichen Reflexion über die eigene Religiosität.

Dazu kommt die Konfrontation mit der Shoah, z.B. wenn uns als Besucher der Shoa-Gedenkstätte Yad Vaschem deutlich wird, dass wir die Reden Hitlers und die schriftlichen Quellen sofort verstehen, während die anderen Besucher Übersetzungen benötigen, zum anderen aber erfährt man auch mehr über das israelische Selbstverständnis eines mutigen und widerständigen Volkes, das z.B. im Museum in Lochame HaGhettaot (in der Nähe von Akko, http://www.gfh.org.il/Eng/) zum Ausdruck kommt.

Nicht selten führt der Besuch von zwei ganz unterschiedlichen Shoah-Museen – das Beith Lochamei HaGhettaot und Yad Vashem – zu intensiven Auseinandersetzungen über Erinnerungskultur, und oft kommt es plötzlich zu einem Austausch über die eigene Familiengeschichte und Debatten über die Frage nach der eigenen Schuld. Sehr hilfreich ist dabei, dass wir normalerweise im ganzen Land von allen Seiten mit großer Freundlichkeit und ohne Vorwürfe aufgenommen werden. Es setzt sich immer mehr durch, dass die Debatte um die Schuld abgelöst wird durch ein Einverständnis, dass alle Menschen die Verantwortung dafür tragen, eine Wiederholung dieses Menschheitsverbrechens unbedingt zu verhindern.

Die aktuelle politische Situation erlebt man an der für uns ungewöhnlich hohen Präsenz von Polizei und Armee im Alltagsleben, an den ständigen Sicherheitskontrollen selbst an Kiosken, an der Mauer, die das Westjordanland umschließt, und an Checkpoints. Die Gespräche mit Einheimischen drehen sich fast immer um die Frage des Nahostkonflikts und seiner Lösung. Leider ist hier überhaupt keine Lösung in Sicht. So sind wir momentan relativ froh, dass sich trotz der bleiernen Unbeweglichkeit die Situation jedes Jahr wieder als sicher darstellt. Mein Wunschtraum, dass es die nächste Generation sein könnte, die eines Tages diese verstrickte Situation lösen wird, hat noch viel Potenzial.

3) Praktische Reisetipps

Zur Vorbereitung nutzen wir das kleine Heftchen „Israel kurzgefasst“ der Bundeszentrale für politische Bildung (Dachs, Gisela: Israel kurzgefasst, Bonn 2017. Aktueller Preis: 1,50€). Dieser gut geschriebene Text führt in alle wichtigen Themengebiete ein. Je nach Vorlieben der Gruppe oder der Lehrkräfte können damit entweder Referate verteilt werden oder ein Quiz entwickelt werden. Das Büchlein wird regelmäßig neu aufgelegt und ist dadurch immer sehr aktuell.

Für die Suche nach Unterkünften bietet sich die Internetseite „hostelworld“ an, die für alle großen Städte verschiedene Angebote hat.

Fahrten im Land sind sehr billig, wenn man auf den Zug zugreifen kann. Das Streckennetz wächst beständig: In Kürze wird man vom Flughafen sogar direkt über eine neugebaute Schnellzuglinie in Rekordzeit nach Jerusalem fahren können. Die Linien führen von Tel Aviv sowohl in den Norden nach Galiläa als auch in die Negevwüste.

Für Ziele, die nicht mit dem Zug erreichbar sind, kann man Busse oder Großraumtaxis mieten. Eine erprobte Adresse dafür ist Nazarene-Tours (http://www.nazarene-tours.com).

Für die Fahrtenkasse ist zu beachten, dass das Geldwechseln mit unterschiedlichen Gebühren belegt ist. Bereits in Deutschland Bargeld zu tauschen, ist sehr teuer und kompliziert, weil viele Banken keine Shekel vorrätig haben. Die Wechselstuben haben sehr hohe Gebühren. Am unproblematischsten und zu guten Kursen kann man noch in der Ankunftshalle des Ben-Gurion- Flughafens, aber auch bei den überall existierenden offiziellen Money Changern Geld wechseln. Beim Einsatz von EC- oder Kreditkarten (die fast überall akzeptiert sind) sollte man vorher überprüfen, zu welchen Konditionen in Israel (außerhalb des EU-Raumes) bezahlt und abgehoben werden kann.

Um in das Land zu kommen, benötigt man einen Reisepass, der zu Beginn der Fahrt noch mindestens 6 Monate Gültigkeit besitzt. Die Gruppe kann über die Homepage des Auswärtigen Amtes in der deutschen Botschaft in Tel Aviv angemeldet werden. Damit ist gewährleistet, dass man dort im Krisenfall Bescheid weiß und schnell Kontakt aufnimmt. Die deutsche Botschaft hat sich bei uns bisher in allen Notfällen als sehr kompetent erwiesen.

Eine Schwierigkeit, insbesondere wenn eine Schule eine solche Fahrt zum ersten Mal anbietet und noch keine Erfahrungswerte vorliegen, können die Sicherheitsbedenken der Eltern und Schüler sein. Hier empfiehlt es sich, für diese Fahrt einen Elternabend anzubieten, an dem die Situation offen angesprochen werden kann. Das Sicherheitskonzept, das wir den Eltern darlegen, sieht vor:

  1. Konfliktträchtige Orte, wie z.B. Hebron oder das Westjordanland insgesamt werden vermieden. Selbst Bethlehem sollte man nur als israelerfahrene Lehrkraft oder nach Absprache mit einem Touristguide ansteuern.
  2. Die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes (https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/israel-node/israelsicherheit/203814) sollten im Vorfeld der Fahrt im Blick behalten werden, um bei Änderungen darauf reagieren zu können. Zusätzlich gibt es die gut funktionierende App „Rocket Alert“, die vor Raketenbeschuss warnt. Diese Sicherheitsmaßnahmen dienen natürlich eher dem subjektiven Sicherheitsempfinden, als dass sie eine reale Bedrohung verhindern können.
  3. Die Kinder dürfen die Gruppe nur nach Abmeldung und mindestens zu dritt verlassen und müssen ein funktionsfähiges Handy dabeihaben.
  4. Grundsätzlich gilt selbstverständlich, dass man die Eltern nicht in falscher Sicherheit wiegen darf. Jede Fahrt birgt ein Risiko, eine 100%ige Sicherheitsgarantie kann nie gegeben werden. Andererseits haben uns unsere mittlerweile 12 Fahrten noch zu keinem Zeitpunkt in eine bedrohliche Situation gebracht. Gruppen, insbesondere christliche Gruppen aus Deutschland sind nicht Teil des Konflikts.

Soweit die wichtigsten Informationen. Weiterführende Fragen und Informationen, z.B. eine über die Jahre entwickelt und bewährte „Packliste“, können gerne unter beckerhermannswerder@gmx.net direkt an mich gestellt und erfragt werden.

Für die Schüler*innen war die Fahrt bisher immer ein unvergessliches Erlebnisse. Wenn eine solche Fahrt dazu beiträgt, das Interesse an dem Land zu wecken oder zu verstärken, und wenn die Erzählungen der Teilnehmenden dazu führen, auch für andere die Schwellen zu senken, sind wir auf einem guten Weg!


180427 ZEITSPRUNG Studienfahrt

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